„Es wäre angebracht, einige Schrauben zu drehen“

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Laura Mench, Jahrgang 1997, ist eine junge und sehr talentierte Bloggerin, Texterin und Sprecherin für die Themen Gesundheit, Pflege und Inklusion. Sie macht eine Ausbildung zur TV- und Radiomoderatorin. Seit über zwei Jahren bloggt sie unter dem Namen „Projekt Leben“ und setzt sich damit für Inklusion von Menschen mit Behinderungen ein. Sie selbst sitzt im Rollstuhl und schreibt ihre Texte mithilfe einer Spracheingabe. In einem Interview haben wir über ihr Leben, ihre Wahrnehmungen und ihren Blog gesprochen:

Womit beschäftigst Du Dich im Alltag? Was sind Deine Hobbies?

In meinem Alltag bin ich sehr gerne in der Natur. Wenn ich nicht gerade an der Uni bin, findet man mich meist in irgendeinem Park im Berliner Umland oder in Berlin. Hin und wieder, wenn ich Freunde mit demselben Interesse finde, gehe ich gerne Minigolf spielen oder ähnliche Aktivitäten.

Aktuell befinden wir uns in einer Ausnahmesituation. Ich gehöre aufgrund meiner Grunderkrankung zur Risikogruppe, die für einen schweren Krankheitsverlauf, der durch das Coronavirus verursacht werden könnte, prädestiniert sind. Deshalb befinde ich mich in freiwilliger Quarantäne in meiner Wohnung. Nur meine Assistentinnen gehen rein und raus und halten ihre Schichten ein. Alles andere erledige ich digital. Deshalb sind in der aktuellen Situation meiner Hobbys etwas geschrumpft und haben sich verändert. Ich habe plötzlich angefangen zu malen, ich habe mir eine Spielekonsole besorgt und ich bin noch mehr als sonst in den sozialen Netzwerken aktiv.

Wenn Du ein Tag lang Dein Leben mit jemandem tauschen dürftest, wer würde das sein?

Ich würde sehr gerne mit unserem Gesundheitsminister Jens Spahn tauschen, er sollte unbedingt mal aus der Sicht eines Betroffenen sehen, was er mit seinen, häufig umstrittenen Gesetzentwürfen (zum Beispiel Ipreg) anrichtet. Außerdem hätte ich dann für einen Tag die Macht über das Gesundheitssystem und würde es durchaus für angebracht halten, einige Schrauben zu drehen.

Was hältst Du von dem Wort „Behinderung“?

Das Wort Behinderung ist ein Wort im deutschen Sprachgebrauch. Es ist weder positiv noch negativ zu betrachten. Es gibt viele alternative Worte und Ausdrücke, von denen ich noch viel weniger halte. Warum soll man sagen, dass jemand besondere Bedürfnisse hat, warum macht man alles so kompliziert? Eine Behinderung ist eine Behinderung, eine chronische Erkrankung ist eine chronische Erkrankung und im Endeffekt ist nicht die Behinderung unser Problem, sondern unser Umfeld, das uns behindert macht. Es macht uns deshalb behindert, weil es Stufen gibt, weil man Menschen mit Behinderung im Bus beobachten möchte und weil es einfach nichts normales ist in Deutschland, mit Menschen mit Behinderung umzugehen, als wenn sie zur 08 15 Bevölkerung gehören würden.

Viele Menschen haben großen „Respekt“ vor Menschen mit Behinderung. Sie wissen nicht, wie sie mit Euch sprechen sollen, was sie fragen sollen oder gar dürfen. Was denkst Du davon?

Respekt sollte man vor jedem mit Menschen haben. Explizit Respekt vor einer „Menschengruppe“ zu haben, ist eine Art „inspiration Porn“, wie Raul Krauthausen sagen würde. Mit uns kann man sprechen wie mit den Nachbarn auch. Klar, nicht jeder Mensch mit Behinderung ist auch kognitiv in der Lage zu antworten. Aber die meisten sind es schon und selbst wenn ein Mensch kognitiv nicht in der Lage sein sollte so zu antworten, wie man es erwarten würde, hat er trotzdem ein Recht darauf Ansprache zu bekommen und angesprochen zu werden. Er wird dann auf seine Weise antworten.

Die Frage, was man fragen darf, kann man pauschal nicht beantworten. Jeder Mensch mit Behinderung hat eine eigene Grenze, was ihm zu persönlich ist. Ich gehe sehr offen mit der Sache um, bin aber auch skeptisch, wenn mir völlig unbekannte Leute Fragen stellen, bei welchen ich mich frage, was der Mensch mit der Antwort anfangen möchte. Kinder dürfen generell alles fragen. Es ist wichtig, dass sie lernen damit umzugehen, wenn ein Mensch eine Behinderung hat. Sie sind unsere Zukunft und nur sie können die aktuelle, eher ablehnende Haltung von nicht behinderten Menschen gegenüber behinderten Menschen in der Zukunft ändern.

Du hast ja einen Blog unter dem Namen „Projekt Leben“. Kannst Du uns dazu ein bisschen mehr erzählen (was ist die Zielsetzung, wie bist Du auf die Idee gekommen, arbeitest Du ganz alleine daran und was würdest Du gerne mit dem Blog erreichen?)

Ich würde sagen, mein Blog hat 2 Seiten und 2 verschiedene Zielsetzungen. Auf der einen Seite kläre ich Menschen mit Behinderung über ihre Rechte, Pflichten und Möglichkeiten auf, ich berichte über das Leben mit Assistenz und gebe Tipps, wie man Assistenz organisieren kann. Ich biete aber auch Menschen ohne Behinderung, vor allem auf meinem zugehörigen Instagram Account einen Einblick darüber, wie das Leben als Mensch mit Behinderung aussehen kann und vor allem, dass es eben nicht so schwarz-weiß ist, wie es in den Klischeegedanken eben ist.

Wie bist Du auf den Namen „Projekt Leben“ gekommen?

Als ich mein Blog gegründet habe, stand für mich persönlich ein großer Schritt an, ich habe um mein Abitur zu machen in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung gewohnt und musste aus dieser ausziehen. Ich habe meinen Blog einige Monate zuvor gegründet und der einzige Name, der mir für das Projekt passend erschien war „Projekt Leben“. Ich sah das ganze damals als Projekt, denn ich habe in der Einrichtung mehr oder weniger gelebt, wie es in einer Einrichtung eben ist. Davor habe ich bei meinen Eltern gelebt und hatte somit auch noch keine Erfahrung, wie es denn ist alleine zu leben. Ich musste sehr viel planen und habe mir somit das ganze als ein komplettes Projekt vorgestellt. Dadurch entstand dann auch der Name.

Gerne empfehlen wir den Blog (hier klicken), die Facebook-Seite sowie Texte von Laura weiter, z.B.:

Gedanken aus der Risikogruppe – ein Brief an das Ich in 20 Jahren

5. Mai 2020 – Rückblick auf einen Protesttag der anderen Art

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